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Türchen 21: Kaminfeuer
Dienstag, 22. Dezember 2009Papierblock: Licht aus
Donnerstag, 14. August 2008
Das gap fire im Rückblick
Dienstag, 15. Juli 2008Für Siggie.

Während ich mich mit Adrian an der Ostküste in Boston und New York herumgetrieben habe — Details folgen bald häppchenweise — und Siggie mit Hélène und meinen wertvollsten Besitztümern nach San Diego geflüchtet ist — besten Dank für die sichere Verwahrung meines Hab und Guts — brannte nördlich von Goleta der Wald.
Vielleicht vermochten schon meine letzten Worte, bevor ich Goleta für eine Woche verlassen hatte, die Endzeitstimmung zu erwecken, die hier tagelang herrschte. Zur Untermalung meines Berichts folgen nun auch ein paar photographische Eindrücke vom gap fire.
Flucht an die Ostküste
Freitag, 04. Juli 2008Das Gap fire nördlich von Santa Barbara/Goleta hat sich rasant weiter ausgebreitet.
In der Nacht waren 140.000 Menschen in der Region für mehr als fünf Stunden ohne Strom — als ich “mein” Haus heute morgen verlassen habe, gab es dort immer noch keine Elektrizität.
Eine graue Aschewolke bedeckt den gesamten Himmel und färbt die Sonne am hellichten Tag blutrot wie beim Sonnenuntergang. Zuweilen schneit es — Ascheflocken! Gestern Abend brauchte ich die Schutzbrille aus dem Labor und ein feuchtes Tuch vor dem Mund, um auf dem Fahrrad unbeschadet nach Hause zu kommen. Nahe “meines” Hauses haben Katastrophenschutz und Feuerwehr eine mobile Einsatzbasis errichtet. Straßen werden gesperrt und die Evakuierung von Nord-Goleta, wo auch ich wohne, ist bereits im Gang. Meine wertvollen Besitztümer befinden sich nun im Labor, die übrigen Dinge mögen Opfer der Flammen werden. Im schlimmsten Fall — wenn der Wind dreht — kann das Feuer in weniger als sechs Stunden die Küste erreichen und Goleta sowie das Studentenviertel Isla Vista dem Erdboden gleich machen…
In einer Stunde nehme ich den Bus nach Los Angeles; von dort dann per Nachtflug an die Ostküste nach Boston, wo ich mich mit Adrian treffe und wir uns gemeinsam die Feierlichkeiten zum Independence Day ansehen werden. Danach geht es weiter nach New York/Stony Brook, wo Adrian zur Zeit lebt und in organischer Chemie forscht.
Der Zeitpunkt für den Ausflug an die andere Ecke des Kontinents könnte unter den gegebenen Umständen nicht besser sein. Anders als der Titel dieses Eintrags vermuten lässt, ist das aber keine spontane Flucht sondern ein seit Wochen geplanter Urlaub.
Da ich nur mit leichtem Gepäck reise und viel unterwegs sein werde, bin ich in den nächsten Tagen nur sehr schwer bis gar nicht zu erreichen und muss auch das Blog in dieser Zeit sich selbst überlassen.
Ob “mein” Haus in Santa Barbara wohl noch steht, wenn ich nächsten Dienstag wieder hierhin zurückfliege?
Meine WG und ich
Sonntag, 20. April 2008Für Marie.
Gemessen an der (stereo)typischen studentischen Wohnlandschaft könnte man meine bisherige Unterkunftssituation fast schon als spießig bezeichnen. Weder habe ich eingepfercht in einem Wohnheimzimmer vor mich hinvegetiert, noch in einer Wohngemeinschaft die Freuden der gemeinsamen Haushaltsnichtführung genossen. Stattdessen lebte ich in trauter Zweisamkeit in luxuriösen vier Zimmern zuzüglich Küche und Bad, was ich sehr genossen habe. Doch ganz tief im Unterbewusstsein besaß auch ich den Wunsch, das klassische WG-Leben einmal am eigenen Leibe zu erfahren… hier in den USA bin ich nun mittendrin statt nur dabei.
Zu siebt (einer ist allerdings gerade auf Europareise) bewohnen wir hier ein kleines Häuschen mit zwei Etagen, Vorgarten, Terrasse und Garten. Wir, das sind zwei Amerikaner, eine Amerikanerin, ein Kanadier, eine Filipina und meine Wenigkeit. Außerdem noch ein Hund (Golden Retriever) und ein Kater. Eigentlich bin ich ja mehr der Katzen-Typ, aber unser Kater ist leider sehr träge, verschmust und hat so gar nichts (raub)katzenhaftes, geheimnisvolles an sich. Mit unserem Hund komme ich dagegen erstaunlich gut zurecht; er fusselt nicht so stark wie befürchtet, sabbert auch nur halbsoviel und ist ein quicklebendiges aber unheimlich gutmütiges Kerlchen.
Meine Mitbewohner sind so verschieden, wie man sich’s nur vorstellen kann, und erfüllen eigentlich keins der amerikanischen Klischees. Alle waren einige Wochen bis Monate in Europa, sogar in Deutschland und sprechen neben Englisch noch anderen Sprachen wie Spanisch, Französisch und ein wenig Deutsch. Die Studienfächer reichen von Neurowissenschaften bis Literatur. Einer kocht leidenschaftlich gern und außerordentlich gut, zwei sind “professional pot smokers” und hängen jeden Abend an der Wasserpfeife mit einschlägigem Brennstoff, zwei sieht man recht selten und alle sind unglaublich interessante, sehr freundliche und offene, vielschichtige Charaktere.
Die Privatsphäre beschränkt sich natürlich auf die gut 15m2 des eigenen Zimmers mit Bett, Schrank, Schreibtisch, Fernseher und völligem Chaos. Aber das eigentliche Leben spielt sich sowieso im sehr bequemen, gemütlichen (wir haben sogar einen Kamin!) und nicht weniger chaotischen Wohnzimmer ab. Die Küche ist bestens ausgestattet, aber natürlich gibt es zu keiner Zeit sauberes Geschirr und ab und an verschwinden Obst, Schokolade oder Milch, weil jemand “fremdisst”… Doch ich lerne ja schnell und weiß mein Müsli mittlerweile auch gnadenlos mit Fremdobst und -milch zuzubereiten. Die Besitzverhältnisse haben hier tatsächlich Züge von Anarchie und Hippie-Kommune: Alles, was nicht explizit deklariert oder auf’s Zimmer geschafft wird, steht quasi im gemeinsamen Besitz der WG und verschwindet früher oder später.
Einzig die zwei Badezimmer stellen eine echte Herausforderung dar. Einerseits weil sie grundsätzlich dann mit (mindestens) einer duschenden Person besetzt sind, wenn man vor der Uni die Zähne putzen muss und nur noch sechs Minuten hat. Andererseits, weil sie genauso aussehen, wie man es von Badezimmern erwartet, die von vier Männern benutzt werden. Der Abfalleimer quillt langsam über und ergießt einem alten Vulkan gleich Teile seines Inhalts auf den Fußboden. Die Keramikoberflächen von Dusche und Waschbecken sind eine Mischung aus kristallographischem Labor und Bioreaktor. Ich bin mir absolut sicher, dass in unserer Dusche Dinge Leben, die gleichzeitig Bier brauen und Antibiotika herstellen können - ob sie auch im dunklen leuchten, muss ich noch abschließend klären…
Ein wenig erstaunt bin ich über mich selbst, dass mich der Zustand der Badezimmer so gar nicht stört und ich nicht die geringste Neigung verspüre, besagten Mülleimer mal zu leeren. Wozu auch, habe ich doch schon sämtliche Handtuchhalter repariert, sodass sie überhaupt erst benutzbar wurden und nicht schon beim Gedanken ans Handtuchaufhängen scheppernd von der Wand fallen…
Ob ich permanent auf diese Weise leben könnte? — Keine Ahnung. Bis jetzt fühle ich mich jedoch pudelwohl und bin sicher, dass das auch meinen ganzen Aufenthalt so bleiben wird.


