Für Marie.
Gemessen an der (stereo)typischen studentischen Wohnlandschaft könnte man meine bisherige Unterkunftssituation fast schon als spießig bezeichnen. Weder habe ich eingepfercht in einem Wohnheimzimmer vor mich hinvegetiert, noch in einer Wohngemeinschaft die Freuden der gemeinsamen Haushaltsnichtführung genossen. Stattdessen lebte ich in trauter Zweisamkeit in luxuriösen vier Zimmern zuzüglich Küche und Bad, was ich sehr genossen habe. Doch ganz tief im Unterbewusstsein besaß auch ich den Wunsch, das klassische WG-Leben einmal am eigenen Leibe zu erfahren… hier in den USA bin ich nun mittendrin statt nur dabei.
Zu siebt (einer ist allerdings gerade auf Europareise) bewohnen wir hier ein kleines Häuschen mit zwei Etagen, Vorgarten, Terrasse und Garten. Wir, das sind zwei Amerikaner, eine Amerikanerin, ein Kanadier, eine Filipina und meine Wenigkeit. Außerdem noch ein Hund (Golden Retriever) und ein Kater. Eigentlich bin ich ja mehr der Katzen-Typ, aber unser Kater ist leider sehr träge, verschmust und hat so gar nichts (raub)katzenhaftes, geheimnisvolles an sich. Mit unserem Hund komme ich dagegen erstaunlich gut zurecht; er fusselt nicht so stark wie befürchtet, sabbert auch nur halbsoviel und ist ein quicklebendiges aber unheimlich gutmütiges Kerlchen.
Meine Mitbewohner sind so verschieden, wie man sich’s nur vorstellen kann, und erfüllen eigentlich keins der amerikanischen Klischees. Alle waren einige Wochen bis Monate in Europa, sogar in Deutschland und sprechen neben Englisch noch anderen Sprachen wie Spanisch, Französisch und ein wenig Deutsch. Die Studienfächer reichen von Neurowissenschaften bis Literatur. Einer kocht leidenschaftlich gern und außerordentlich gut, zwei sind “professional pot smokers” und hängen jeden Abend an der Wasserpfeife mit einschlägigem Brennstoff, zwei sieht man recht selten und alle sind unglaublich interessante, sehr freundliche und offene, vielschichtige Charaktere.
Die Privatsphäre beschränkt sich natürlich auf die gut 15m2 des eigenen Zimmers mit Bett, Schrank, Schreibtisch, Fernseher und völligem Chaos. Aber das eigentliche Leben spielt sich sowieso im sehr bequemen, gemütlichen (wir haben sogar einen Kamin!) und nicht weniger chaotischen Wohnzimmer ab. Die Küche ist bestens ausgestattet, aber natürlich gibt es zu keiner Zeit sauberes Geschirr und ab und an verschwinden Obst, Schokolade oder Milch, weil jemand “fremdisst”… Doch ich lerne ja schnell und weiß mein Müsli mittlerweile auch gnadenlos mit Fremdobst und -milch zuzubereiten. Die Besitzverhältnisse haben hier tatsächlich Züge von Anarchie und Hippie-Kommune: Alles, was nicht explizit deklariert oder auf’s Zimmer geschafft wird, steht quasi im gemeinsamen Besitz der WG und verschwindet früher oder später.
Einzig die zwei Badezimmer stellen eine echte Herausforderung dar. Einerseits weil sie grundsätzlich dann mit (mindestens) einer duschenden Person besetzt sind, wenn man vor der Uni die Zähne putzen muss und nur noch sechs Minuten hat. Andererseits, weil sie genauso aussehen, wie man es von Badezimmern erwartet, die von vier Männern benutzt werden. Der Abfalleimer quillt langsam über und ergießt einem alten Vulkan gleich Teile seines Inhalts auf den Fußboden. Die Keramikoberflächen von Dusche und Waschbecken sind eine Mischung aus kristallographischem Labor und Bioreaktor. Ich bin mir absolut sicher, dass in unserer Dusche Dinge Leben, die gleichzeitig Bier brauen und Antibiotika herstellen können - ob sie auch im dunklen leuchten, muss ich noch abschließend klären…
Ein wenig erstaunt bin ich über mich selbst, dass mich der Zustand der Badezimmer so gar nicht stört und ich nicht die geringste Neigung verspüre, besagten Mülleimer mal zu leeren. Wozu auch, habe ich doch schon sämtliche Handtuchhalter repariert, sodass sie überhaupt erst benutzbar wurden und nicht schon beim Gedanken ans Handtuchaufhängen scheppernd von der Wand fallen…
Ob ich permanent auf diese Weise leben könnte? — Keine Ahnung. Bis jetzt fühle ich mich jedoch pudelwohl und bin sicher, dass das auch meinen ganzen Aufenthalt so bleiben wird.