Archiv für die Kategorie ‘Leben’

Kleine Taten und große Pläne

Sonntag, 28. September 2008

Es scheint, als wäre Zeit nicht nur relativ, wie uns schon Einstein lehrte, sondern obendrein auch stets zu knapp vorhanden. Letzteres ist auch der Grund für die fast dreiwöchige Sendepause auf herzhirnhand.de. Doch die ist nun zu Ende.

Falls jemanden interessiert, was ich in diesen drei Wochen so getrieben habe: Da waren neben einem gigantischen Stapel aufgelaufenen Papierkrams und defekter Elektrogeräte das Astroseminar der Uni Münster, wo es um dunkle Materie und Neutrinos ging; ein einführender Photokurs für den Bekanntenkreis, der die Freuden von Belichtungsmessung, Perspektive & co. kennengelernt hat; ein neues Handy, das eingerichtet, konfiguriert und ausprobiert werden musste; ein Wechsel des Mobilfunkproviders sammt Rufnummernportierung und zu guter letzt eine einwöchige Arbeitsphase des lebenswissenschaftlichen Kollegs der Studienstiftung zum Thema Epigentik. Dort habe ich mich an Lachs und Garnelenspießen gelabt, morgendliche Spaziergänge durch Bonn und in — zumindest, wenn man eine zweidimensionale Welt annimmt — den Rhein gemacht, die Nächte mit Bowling spielen, Filme gucken und angeregter Konversation verbracht, Tomaten und Physalis im Garten des MPI für Züchtungforschung verspeist und natürlich viel über (Epi)genetik gelernt. Einziger Haken: der drahtlose Internetzugang im christlich geführten Tagungshaus war nur über einen HTTP-Proxy möglich, der sehr restriktiv den Zugriff auf unzählige, mitunter völlig harmlose Internetseiten wie beispielsweise meine eigenen blockierte und die Nutzung nicht HTTP-basierter Dienste wie VoIP unmöglich machte…

Für die nächste Zeit steht nun das Schreiben einer Unmenge an Berichten, eine Diplomprüfung in organischer Chemie, die generelle Organisation des nächsten Semesters und regelmäßiges bloggen an. Obendrein geistern da eine ganze Menge verrückter photographischer Ideen durch meinen Kopf. Mal schauen, welche davon meinen Schädel verlassen und zu Bildern werden.

Nichts ist für die Ewigkeit

Dienstag, 09. September 2008

Warum müssen technische Geräte eigentlich immer das Phänomen des Massensterbens zeigen?

Etwas mehr als einen Monat nachdem sich mein Laptop in ein nutzloses Stück Elektroschrott verwandelt hat, gibt nun auch mein Mobiltelefon den Geist auf. Dass das Frontlicht an meinem Fahrrad heute ebenfalls kaputt gegangen ist, lässt sich noch verschmerzen, da schnell und günstig zu beheben. Aber ein neues Handy (von einem Laptop ganz zu schweigen) schlägt doch ganz schön zu Buche und wirkt sich alles andere als positiv auf den Finanzplan aus.

Da sich Siemens aus dem Mobilfunkgeschäft zurückgezogen hat, muss ich mich nun wohl oder übel mit einem Gerät aus dem Hause Nokia anfreunden. Zur Zeit steht das E51 in der engeren Wahl, weil es mit seinen technischen Daten überzeugt und genau die Funktionen bietet, die ich brauche: GPRS/UMTS/WLAN, VoIP, Infrarot- und Bluetooth-Schnittstelle, E-Mail-Client, Sprachsteuerung, vernünftige Akkulaufzeit und ein breites Softwareangebot für das Symbian/S60-Betriebssystem. Das einzige wirkliche Manko ist die erschreckend hohe spezifische Absorptionsrate (siehe hier), die mir so gar nicht geheuer ist.

Wenn Ihr also ein bezahlbares Handy/Smartphone mit den oben genannten Eigenschaften empfehlen könnt, lasst es mich bitte wissen.

Kinomonatsfreikarte

Freitag, 05. September 2008

Nach einer Sneak-Preview im Cineplex Münster ist es üblich, dass man auf einem kleinen Zettel den gerade gesehenen Film bewertet, kommentiert und tippt, wie viele Zuschauer ihn insgesamt in Münster im Kino sehen werden. Der Beste Tipp gewinnt dann eine Monatsfreikarte. Früher war alles besser war das eine “echte” Monatsfreikarte, heute ist es eine “Zwei-zum-Preis-von-einem”-Karte — hat wohl abstruse steuerrechtliche Gründe, ist aber auch egal.

Die meisten der mehr als 50 Sneaks, denen ich bisher beigewohnt hatte, fingen mit der Verkündung eines Freikartengewinners an und jedesmal hoffte ich der glückliche zu sein — immer vergebens. Ich musste erst in die Staaten fliehen, bevor in meiner Abwesenheit verkündet wurde, dass mein Tipp für Sweeney Todd (Rezension) vom 29.01.2008 der beste war und ich eine Freikarte — eine von den guten alten “echten” — gewonnen hatte.

Nun muss ich mich nur noch entscheiden, für welchen Monat ich die Karte haben will, und dann werde ich wohl vier Wochen mehr oder weniger im Kino einziehen…

Dunkelrote Brille

Sonntag, 08. Juni 2008

Für Martin.

Schaut auf das blaue Auge des gelben Fisches und zählt langsam bis 30, ohne Eure Augen zu bewegen. Schaut danach sofort auf eine weiße Fläche und versucht wiederum die Augen möglichst still zu halten…

 (more…)

Sich die Seele aus dem Leib pinkeln

Montag, 02. Juni 2008

Für Dennis.

Am sprichwörtlichen Ende der Welt unter prächtigem Sternenhimmel einen kurzen Spaziergang machen, um dann mitten in einem Kornfeld in hohem Bogen in die Nacht zu urinieren — wie es ein Sternfreund zu pflegte, mit dem ich einst häufig beobachtet habe — ist eine kuriose Variante des klassischen “sich auf einem Berg die Seele aus dem Leib schreien”.

Was tut Ihr, um der Welt zu zeigen, dass sie Euch den Buckel herunterrutschen kann, wenn sie (wieder einmal) beschließt, Euch alle erdenklichen Steine in den Weg zu legen?

(Grundlagen)forschung zwischen Hunger und Luxus

Donnerstag, 08. Mai 2008

Darf sich die Menschheit den Luxus wissenschaftlicher Grundlagenforschung ohne direkten Anwendungsbezug und Nutzen leisten, wenn täglich nach Angaben der Welthungerhilfe etwa 24.000 Menschen — davon gut 13.000 Kinder — an den Folgen von Unterernährung sterben?

Jörg schreibt in seinem Blogeintrag “Crashtest für Protonen”, dass Milliardenprojekte zur Grundlagenforschung in einer Basisdemokratie unmöglich wären. Er behauptet, das Volk, das die öffentliche Förderung der Musikhalle in Münster ablehnte, vereitele mit Sicherheit auch solche wissenschaftlichen Großprojekte. Ich muss ihm da zustimmen.
Auch wenn man die mehr als 850 Millionen hungernden Menschen weltweit fragte, ob “wir” unsere Milliarden tatsächlich zur Klärung teilchenphysikalischer Fragen oder doch besser zur Hungerbekämpfung ausgeben sollten, dürfte die Antwort eindeutig ausfallen.

Das häufig vorgebrachte und durchaus stichhaltige Argument, die Grundlagenforschung liefere quasi als “Abfallprodukt” neben der reinen Erkenntnis etliche nutzbare Erfindungen und mache unsere moderne, technisierte Welt überhaupt erst möglich, bietet hier keinen Ausweg. Vom Anstieg des Lebensstandards durch Technisierung hat die dritte Welt bisher schließlich nicht kaum profitiert.

Man könnte die radikale Ansicht äußern, Sport, Kultur und Wissenschaft seien es, was den Menschen vom Tier abgrenzt und überhaupt erst zum Menschen macht. Der Gedanke erscheint zunächst verlocken, dass die stetige Forderung von Körper und Geist, das beständige Streben nach Verbesserung und der ewig neugierige Drang nach Erkenntnis das menschlichste am Menschen seien. Zu Ende gedacht bedeutet diese Vorstellung allerdings, dass man all denen, die gezwungen sind um Nahrung und Überleben statt um Erfüllung und Erkenntnis zu kämpfen, das Menschsein abspricht.

Was also tun: Forschung, Kunst, Musik, Sport — kurzum alle Luxusgüter — abstellen, bis die essentiellen Grundbedürfnisse für die gesamte Menschheit erfüllt sind? Einfach weitermachen wie bisher und uns freuen, dass “wir” in der Wohlstandsgesellschaft geboren sind?

Es scheint mir ungerecht doch trotzdem kann — und will — ich mich meines Erkenntnisdrangs und Kulturhungers nicht entledigen. Mir bleibt wohl nur mich an die dünne Hoffnung zu klammern, einst meinen Beitrag zur Verbesserung der Welt zu leisten. Sei es in der Wissenschaft oder anderswo.

Bewegende Gedanken

Samstag, 26. April 2008

Für Tina.

Wenn der Worte Gewalt die Gedanken nicht mehr halten mag, wenn bunte Bilder den schillernden Geistesblitzen leidlich grau erscheinen, wenn jede Leibesfaser gen Himmel strebt und das Universum in jedem Herzschlag tönt, dann ahnt man, wie klein und groß zugleich der Mensch doch ist. Zitternd wähnt man sich dann dem Fauste nahe und spürt halb lachend, halb weinend die eigene Sterblichkeit. Voll süßer Verzweiflung und schmerzender Verzückung erkennt man, dass man niemals den Kosmos durchdringen wird.
Wie leer erscheint nun doch unser eitles Tagewerk, wieviel mehr sollten wir uns dem großen Streben widmen.

Bin ich doch nicht Dichter und Denker; reichen manchmal weder Poesie noch Prosa, den Geist auf Papier oder ins Blog zu bannen.

Meine WG und ich

Sonntag, 20. April 2008

Für Marie.

Gemessen an der (stereo)typischen studentischen Wohnlandschaft könnte man meine bisherige Unterkunftssituation fast schon als spießig bezeichnen. Weder habe ich eingepfercht in einem Wohnheimzimmer vor mich hinvegetiert, noch in einer Wohngemeinschaft die Freuden der gemeinsamen Haushaltsnichtführung genossen. Stattdessen lebte ich in trauter Zweisamkeit in luxuriösen vier Zimmern zuzüglich Küche und Bad, was ich sehr genossen habe. Doch ganz tief im Unterbewusstsein besaß auch ich den Wunsch, das klassische WG-Leben einmal am eigenen Leibe zu erfahren… hier in den USA bin ich nun mittendrin statt nur dabei.

Zu siebt (einer ist allerdings gerade auf Europareise) bewohnen wir hier ein kleines Häuschen mit zwei Etagen, Vorgarten, Terrasse und Garten. Wir, das sind zwei Amerikaner, eine Amerikanerin, ein Kanadier, eine Filipina und meine Wenigkeit. Außerdem noch ein Hund (Golden Retriever) und ein Kater. Eigentlich bin ich ja mehr der Katzen-Typ, aber unser Kater ist leider sehr träge, verschmust und hat so gar nichts (raub)katzenhaftes, geheimnisvolles an sich. Mit unserem Hund komme ich dagegen erstaunlich gut zurecht; er fusselt nicht so stark wie befürchtet, sabbert auch nur halbsoviel und ist ein quicklebendiges aber unheimlich gutmütiges Kerlchen.

Meine Mitbewohner sind so verschieden, wie man sich’s nur vorstellen kann, und erfüllen eigentlich keins der amerikanischen Klischees. Alle waren einige Wochen bis Monate in Europa, sogar in Deutschland und sprechen neben Englisch noch anderen Sprachen wie Spanisch, Französisch und ein wenig Deutsch. Die Studienfächer reichen von Neurowissenschaften bis Literatur. Einer kocht leidenschaftlich gern und außerordentlich gut, zwei sind “professional pot smokers” und hängen jeden Abend an der Wasserpfeife mit einschlägigem Brennstoff, zwei sieht man recht selten und alle sind unglaublich interessante, sehr freundliche und offene, vielschichtige Charaktere.

Die Privatsphäre beschränkt sich natürlich auf die gut 15m2 des eigenen Zimmers mit Bett, Schrank, Schreibtisch, Fernseher und völligem Chaos. Aber das eigentliche Leben spielt sich sowieso im sehr bequemen, gemütlichen (wir haben sogar einen Kamin!) und nicht weniger chaotischen Wohnzimmer ab. Die Küche ist bestens ausgestattet, aber natürlich gibt es zu keiner Zeit sauberes Geschirr und ab und an verschwinden Obst, Schokolade oder Milch, weil jemand “fremdisst”… Doch ich lerne ja schnell und weiß mein Müsli mittlerweile auch gnadenlos mit Fremdobst und -milch zuzubereiten. Die Besitzverhältnisse haben hier tatsächlich Züge von Anarchie und Hippie-Kommune: Alles, was nicht explizit deklariert oder auf’s Zimmer geschafft wird, steht quasi im gemeinsamen Besitz der WG und verschwindet früher oder später.

Einzig die zwei Badezimmer stellen eine echte Herausforderung dar. Einerseits weil sie grundsätzlich dann mit (mindestens) einer duschenden Person besetzt sind, wenn man vor der Uni die Zähne putzen muss und nur noch sechs Minuten hat. Andererseits, weil sie genauso aussehen, wie man es von Badezimmern erwartet, die von vier Männern benutzt werden. Der Abfalleimer quillt langsam über und ergießt einem alten Vulkan gleich Teile seines Inhalts auf den Fußboden. Die Keramikoberflächen von Dusche und Waschbecken sind eine Mischung aus kristallographischem Labor und Bioreaktor. Ich bin mir absolut sicher, dass in unserer Dusche Dinge Leben, die gleichzeitig Bier brauen und Antibiotika herstellen können - ob sie auch im dunklen leuchten, muss ich noch abschließend klären…
Ein wenig erstaunt bin ich über mich selbst, dass mich der Zustand der Badezimmer so gar nicht stört und ich nicht die geringste Neigung verspüre, besagten Mülleimer mal zu leeren. Wozu auch, habe ich doch schon sämtliche Handtuchhalter repariert, sodass sie überhaupt erst benutzbar wurden und nicht schon beim Gedanken ans Handtuchaufhängen scheppernd von der Wand fallen…

Ob ich permanent auf diese Weise leben könnte? — Keine Ahnung. Bis jetzt fühle ich mich jedoch pudelwohl und bin sicher, dass das auch meinen ganzen Aufenthalt so bleiben wird.