Ostküste: New York City - Downtown
Dies ist ein Gastbeitrag von Adrian Schulte über den ersten Tag unseres gemeinsamen Ausflugs nach New York. Adrian studiert Chemie in Münster und war im Sommer für ein Forschungspraktikum in Stony Brook, wo ich ihn für ein verlängertes Wochenende besucht habe.
Für Patrick.

Es war ein erfüllter Tag gewesen und dennoch hatten wir nicht alles gesehen, als wir im Zug von der Penn Station zurück nach Stony Brook saßen, die Port Jefferson Stichbahn der Long Island Rail Road von 1873 befahrend und müde vom Tag.
Wir hatten uns entschieden, als erstes den Südzipfel der Insel Manhattan, Downtown, zu erkunden, um das Beste für den Schluss aufzuheben. “Downtown” bezeichnet im Amerikanischen nicht unbedingt das Zentrum einer Stadt, auch wenn es gerne so übersetzt wird. Vielmehr bezieht man sich auf die Nummerierung der Strassen im Schachbrettmuster, zählt aufsteigend von Süd nach Nord die Strassen und bezeichnet die Viertel mit den niedrigen Zahlen mit “Downtown”. In New York jedoch liegen diese Viertel noch weiter südlich, weil erst nördlich der Houston Street, die die Stadtteile der Künstler, SoHo und NoHo voneinander trennt, die 1st Street liegt. In Downtown befinden sich die alten Strassen der Holländer, die urspünglich Nieuw Amsterdam kennzeichneten, dann, nach der Übernahme durch die Briten, umbenannt und restrukturiert wurden: z. B. “Fulton Street” und “Wall Street”.
Genau dort, an der New York Stock Exchange, begann unsere Erkundungstour. Wir fanden uns im Financial District umgeben von wahnsinnig hohen, gesichtslosen Fassaden, hinter denen Strategien entworfen und Pläne ausgeführt werden, die die Welt verändern können, weshalb die Stadt New York sich verdientermaßen zu den “Hauptstädten der Welt” zählen darf. Ein New Yorker — und das wird ihn vom Washingtonian unterscheiden — wird sich förmlich weniger als “Hauptstädter”, sondern eher als “Cosmopolitan”, als Weltbürger empfinden.
Wenn ich auf uns zurückblicke, die wir uns von jener Freiheitsstatue, die Generationen von Einwanderern einst mächtig und dennoch gleichsam gutmütig verheißend auf dem neuen Kontinent willkommen geheißen hatte, angezogen fühlten, weil wir auf eine andere, modernere, kühlere, da sachlich inspizierende Art empfangen worden waren, verstehe ich, dass die Visite dieser eine Sache war, die dringend nachgeholt werden musste, weil sie zu einem USA-Aufenthalt zwingend dazugehörte. So war ich ebenfalls viel früher, gegen Anfang Mai, als New York in ihren Kaufhäusern noch den Frühling feierte, als erstes zu ihr, Liberty, hingepilgert, mit dem Bedauern, sie nicht als erstes gesehen zu haben.
Doch unser Blick, der von unterhalb des Marine-Denkmals im Battery Park auf sie gerichtet war, wurde abgelenkt, durch das Spiel eines Kleinkindes, das vor den Augen seines die Kippa tragenden Vaters durch Aufstampfen seiner kleinen Füße die Vögel von der Kaimauer vertrieb und dabei weniger die Entrüstung, sondern eher die interessierte Aufmerksamkeit der Passanten auf sich zog.
Unser Weg führte uns nun hinauf zum traurigsten Punkt der Stadt — jenem Ort, an dem die Hoffnung auf Frieden im 21. Jahrhundert beschädigt wurde. Wie viele Denkmäler sahen wir, die von Touristengruppen umgeben waren, aufgestellt vor kurzem und bereits tief in die Stadtgeschichte verwurzelt; wir schritten sie ab auf unserem Weg um den Ground-Zero herum und durch den Friedhof und die Kapelle St. Paul, die an jenem Elften September trotz ihrer Nähe zu den einstürzenden Türmen unversehrt blieb.
Es fehlt etwas in der Stadt! Der Ausgleich für die Wolkenkratzer der Midtown im Südteil ist nicht mehr vorhanden, die Stadt ist eines Gesichtes beraubt worden. Man spürt, dass etwas fehlt, weil kaum etwas außer dem Aussichtspunkt zur Freiheitsstatue den Downtown-Bereich verschönert. Und bis zum Freedom Tower werden noch viele Jahre ins Land gehen; das ist gewiß, denn unlängst wurde klar, dass ohne das World Trade Center die Stabilität des Polders “Lower Manhattan”, auf dem das neue Wolkenkratzer-Gemenge entstehen soll, gegenüber dem Wasserdruck des Hudson River in Gefahr ist und die Bauarbeiten daher länger als erwartet andauern werden.
Der Weg führte nun endgültig nach Norden. Wir wanderten den Broadway hoch, Block für Block, sechs Kilometer durch die Stadt. Chinatown schickte uns ihre Düfte von Fischmarkt und Obstständen durch die Seitenstrassen herüber. In SoHo waren sogar Werbetafeln und -installationen von künstlerischem Gehalt zu sehen. Dann ging es über die Houston, rauf nach NoHo, an Kinos vorbei, mit dem Empire State Building immer vor uns zwischen den Häuserschluchten zu erkennen, zum Union Square. Endlich ein Park, eine Bank und frische Luft! Dazu gab es noch authentische Wahlkampfsprüche: Einer stellte sich an den Ausgang der U-Bahn und fing einfach an zu reden, das Megaphon in der Hand. Mit der Zeit sammelten sich mehr und mehr Leute um ihn herum und hörten ihm zu…
Dann weiter, mehrere Blocks weiter, lag der nächste Park: Madison Square Park — und das kühn spitz zulaufende Flatiron Building, das seinen Namen verdientermaßen trägt: Nur der Hochwinkel erlaubte eine sinnvolle Kameraaufnahme, und Patrick lag sogar auf dem Boden um die Froschperspektive von mir und dem Gebäude möglich zu machen — das lockte andere Touristen heran, die dann ebenfalls ein solches Bild von sich haben wollten und Patrick musste sich wieder aufs Pflaster legen.
Von dort war es nicht mehr so weit. Penn Station war der Moloch, der zwei Stockwerke unter der Erde liegende Bahnhof, der alles an Sommerhitze aufstaute und sammelte und einen wahnsinnig machen konnte. Hier waren wir am morgen angekommen und hier begann auch unsere Rückreise nach Stony Brook.
Tags: gastartikel, unterwegs, USA 2008









15. August 2008 um 19:00
Inhaltlich schöner Bericht, aber “Mach´ weniger Nebensätze!”
Habt ihr die Fotos den Touristen mitgegeben oder per Mail zugeschickt?
18. August 2008 um 16:47
Erst mal danke für das Lob, die Fotos haben wir dem Touristen mitgegeben, indem Patrick die Bilder gleich mit dessen Kamera gemacht hat. Da musste dann nichts mehr kopiert oder verschickt werden.
19. August 2008 um 07:40
Ich möchte mich den Lobeshymnen anschließen; es erwachte beim Lesen New York mitsamt seinen in nahezu jeglicher Hinsicht überwältigenden Eindrücken wieder zum Leben. Allerdings komme ich nicht umhin, meinem Vorgänger in seinem zweiten Anliegen zu widersprechen, da ich den Duktus als sehr angenehm und leichtfüßig empfand. Bitte verschone uns daher auch in künftigen Beiträgen mit allzu plumper Sprache.