Bloggen ist nicht gleich bloggen

Nach den zahlreichen Kommentaren zum kürzlich veröffentlichten Bilanz-Artikel werde ich meine Meinung zum Thema “Bloggen” etwas ausführlicher niederschreiben. Logischerweise ist alles, was folgt, nur “mein Senf” aus einer gänzlich subjektiven Position und natürlich zeigt es nur einen winzigen Ausschnitt. Die Blogosphäre ist zu vielseitig und divers, um sie in ein paar Zeilen hinreichend beschreiben zu können.

Bloggen als Selbstdarstellung

Jedes Blog enthält grundsätzlich eine gehörige Portion Selbstdarstellung.

Bei Blogs die quasi als Online-Tagebuch geführt werden, liegt das auf der Hand. Hier ist Selbstdarstellung meist die einzige Existenzgrundlage, was per se keineswegs negativ ist. Manch einer hat halt das Bedürfnis, sein Leben (teilweise) offenzulegen, und passend dazu konsumieren viele (die meisten?) Menschen solche Angebote sehr gerne. Andernfalls wären Seifenopern, Telenovelas, Big Brother und die Tagebuch-Blogs vieler mehr oder weniger prominenter Persönlichkeiten nicht so gefragt.

Doch auch thematisch orientierte Blogs, bei denen Information und Berichterstattung zu eng umrissenen Themen im Mittelpunkt stehen, kommen letztlich nicht ohne Selbstdarstellung aus. Freilich ist es in diesem Fall eine subtilere Form, da in derartigen Blogs selten (eigentlich nie) über persönliche Dinge geschrieben wird. Trotzdem sind solche Blogs kein anonymes Etwas sondern spiegeln Kompetenz und persönlichen Stil ihres Autors wieder. Natürlich leben Fachblogs in erster Linie von ihrem Inhalt; damit dieser jedoch überhaupt wahrgenommen wird, muss er nicht nur fundiert und fachlich korrekt sondern auch verständlich aufbereitet und ansprechend geschrieben sein. Gerade letzteres gibt dem Autor reichlich persönlichen Spielraum und impliziert eine Form der Selbstdarstellung.

Schließlich kann man sich fragen, ob nicht ohnehin jeder, der im Internet veröffentlicht — sei es ein Blog oder sonst etwas — gewisse selbstdarstellerische Absichten verfolgt. Bei der Weitergabe von Wissen und Information spielt immer auch das Ego eine Rolle: man zeichnet sich einerseits aus, weil man etwas weitergeben kann, und wird andererseits geachtet, weil man das eigene Wissen großmütig teilt. Das klingt leider nicht so verklärt-romantisch wie purer Altruismus, trifft die Realität jedoch besser.

Bloggen als Informationsaustausch

Ein Blog ist mit die beste Möglichkeit zum Informationsautausch im Netz.

Grob gesagt findet der Wissensaustausch im Internet größtenteils über Foren, Wikis, Blogs und themenbezogene Websites statt. Von den genannten stellen einzig die themenbezogenen Websites den klassischen Ansatz des WWWs dar; bei dem Rest handelt es sich um Web-2.0-Auswüchse.

Zwar gibt es sehr gute klassische Websites, die Informationen zu speziellen Themen liefern, doch oft sind diese konzeptbedingt statisch, zeitlos bis mäßig aktuell und ohne Diskussionsmöglichkeit. Bestens geeignet zur Präsentation aber nur bedingt zum echten Austausch.

An Wikis — wir sind im Web 2.0 — kann zwar prinzipiell jeder mitarbeiten, doch ihr eigentliches Ziel ist nicht der lebendige Austausch sondern das sammeln, archivieren und zugänglich machen von Wissen. In dieser Disziplin sind sie allerdings durch die verteilte Arbeit und stetige gegenseitige Kontrolle innerhalb der community ungeschlagen. Die von mir so gerne verlinkte Wikipedia braucht weder den qualitativen noch den quantitativen Vergleich mit klassischen Konversationslexika zu scheuen. Doch wie das Lexikon bieten auch Wikis dem Nutzer keine direkte Kommentar- und Diskussionsmöglichkeit. Die Interaktivität bleibt auf eine mehr oder weniger kleine community beschränkt.

Was dagegen passiert, wenn man der Interaktivität all zu freien Lauf lässt, zeigen die Internetforen. In jedem Fachforum, das ich je besucht habe — sei es zu Photographie, Astronomie, (Computer)-Technik, Chemie, usw. — zeigt sich das gleiche Bild: Neulingen ist die Recherche im Forumsarchiv zu aufwendig oder schlicht nicht geläufig, sodass permanent die gleichen Fragen diskutiert werden. Ein elitärer Kreis von Stammmitgliedern mokiert sich — zu Recht — darüber und predigt — zu Unrecht — die Forenregeln, statt schnell zu helfen. So dreht sich der Diskurs im Kreis, versandet früher oder später, wird off-topic oder geht gar in den Hahnenkämpfen der eingeschworenen Kernmitglieder unter. Sicher gibt es Ausnahmen und sicher neige ich hier zur Polemik, doch leider trifft das den Kern der Sache ziemlich gut. Wer es nicht glaubt, sollte einfach mal einen kritischen Blick in die Foren werfen…

Übrig bleibt das Fachblog. Hier stellt meist ein einzelner, kompetenter Autor seine Informationen in aktuellen Beiträgen zur Verfügung und ermöglicht durch die Kommentarfunktion eine öffentliche Diskursion zum Thema. Das festgefügte Verhältnis — der Autor veröffentlicht; die Leserschaft kommentiert, kritisiert, diskutiert zwar, veröffentlicht aber keine eigenen Artikel — verhindert den Absturz in die Banalität vieler Foren und wahrt gleichzeitig eine Dynamik, die einem Wiki bisweilen fehlt. Dabei steht diese Egozentrik des Blogs dem Diskurs nicht im Weg, da die Leserschaft in der Blogosphäre selbst zum Autor werden kann und mittels backlink ihre Beiträge in direkten Bezug zu anderen Artikeln setzen kann.

Bloggen als journalistische Berichterstattung

Weblogs können ernstzunehmende journalistische Medien sein.

Auch wenn ich für jede Form des aktiven Journalismus schlicht zu langsam und träge bin, weiß ich doch um die journalistische Bedeutung die Blogs haben können. In Ländern mit Pressefreiheit und augenscheinlich unabhängiger Berichterstattung bieten sie eine weitere Perspektive, in Ländern mit restriktiverem Presserecht und (staatlich) kontrollierter, eingeschränkter Berichterstattung sind sie häufig die einzige Möglichkeit, an ungefilterte, vielleicht verlässlichere Informationen zu kommen. Obendrein ermöglichen Blogs die praktisch verzögerungsfreie Verbreitung und Diskussion dieser Informationen.

Gerade bei außergewöhnlichen Ereignissen wie Putsch, Naturkatastrophen, Bürgerkrieg, etc. sind es häufig Weblogs, die den Blick der restlichen Welt zuerst auf das Geschehen lenken.

Bloggen als Hobby

Bloggen kann Hobby und sogar Sucht werden.

Vom Ausleben des einfachen Mitteilungsbedürfnis über die Wissensverbreitung bis zur aktiven Mediengestaltung — bloggen und das damit verbundene gelesen werden schmeicheln dem Ego und können sich bis zu suchtgleichen Besessenheit steigern. Eine Flucht vor den eigenen Problemen aus der Realität hinein in die Blogosphäre ist sicher möglich, für viele verlockend und für einige letztlich verhängnisvoll. Doch wenn wir ehrlich sind, bieten die virtuellen Welten einschlägiger (Online)-Rollenspiele weit mehr Anreiz zur Realitätsflucht und abhängig kann man im “echten” Leben sogar von Schokolade — und schlimmerem — werden.

Bloggen und Kommentare

Ein Blog lebt von seinem Inhalt und seinen Lesern.

Dass Kommentare grundsätzlich nicht notwendig sind, zeigen manche Selbstdarstellungsblogs mehr oder weniger prominenter Persönlichkeiten. Dort ist die Kommentarfunktion oftmals deaktiviert, weil die Autoren nicht wollen, dass ihre persönlichen Ansichten angegriffen oder in Frage gestellt werden.

Nichtsdestotrotz ist die Kommentarfunktion meines Erachtens zentraler Bestandteil eines Blogs. Wer Informationen preisgibt, sollte sie auch zur Diskussion stellen — für informationsvermittelnde oder journalistische Blogs gilt dies sogar zwingend.

Ob und in welchem Umfang die Leserschaft von der Kommentarfunktion Gebrauch macht, steht dagegen auf einem ganz anderen Blatt. Natürlich freut sich wohl jeder Blogger über jeden Kommentar — von Spam wollen wir mal absehen — doch letztendlich zählen interessanter Inhalt und natürlich die vorhandene Leserschaft.

Man könnte sich fragen, ob ein Blog, das nicht gelesen wird, überhaupt existiert. Genauso wie zu klären ist, ob ein Baum, der umfällt, ohne das es jemand hört oder sieht, wirklich umgefallen ist…

7 Antworten zu “Bloggen ist nicht gleich bloggen”

  1. Andrea sagt:

    Ja dem Artikel kann ich eigentlich nichts mehr hinzufügen es ist alles gesagt was das Bloggen betrifft. Ich selber bin in einigen Fachforen und es ist wirklich so wie Patrick es in dem Bericht über das Fachbloggen schreibt. Auch ich spiele mit dem Gedanken mal einen Blog zu eröffnen der würde sich aber ganz auf mein Hobby beschränken, mal sehen vielleicht gibt es den ja in absehbarer Zeit ;-)

  2. Marcel sagt:

    Hmm…. wenn ich ehrlich sein soll, habe ich in meinem ganzen Suchleben (und ich habe viele Fragen) erst eine einzige Antwort, bzw. Problemlösung in einem Blog gefunden.
    Da waren die Foren und die Wiki immer besser mit den Antworten, respektive die Einzigen, die überhaupt Antworten anboten, aber vielleicht liegt es auch immer am entsprechenden Problem, welche Plattform einem da helfen kann.
    Will das Thema jetzt auch nicht über Gebühr beanspruchen.
    Schade eigentlich, dass mit diesem Beitrag die Andere Diskussion überflüssig geworden ist….;)
    Aber trotzdem gute Arbeit.

  3. Nils sagt:

    @Marcel: Antworten findet man, wie von Patrick erwähnt, naturgemäß eher in Wikis oder über die Suchfunktion von Foren. Ich denke nicht, dass Blogs der Archivierung von Fachinformationen dienen, ihr Vorteil liegt im Wesentlichen in der Aktualität.
    Ich mag an Blogs die Auswahl von aktuellen Themen durch eine von mir geschätze Persönlichkeit. Seien es hauptsächlich persönchliche Themen hier, Berichte aus dem Bereich der PC-Spiele von Jörg Langer, Naturwissenschaftliches von einem praktizierenden Experimentalphysiker oder Musikalisches von Jonathan Coulton.

    Die botanische Analogie kenne ich anders: Es ist also zu klären, ob ein Baum, der umfällt, ohne das es jemand hört, überhaupt ein Geräusch erzeugt…dürfte schwer werden.

  4. Anne sagt:

    Ich bin keine Freundin von Weblogs. Patricks ist das erste, das ich verfolge, und das auch nur, weil mich seine Ansichten ganz besonders interessieren und ich ihn persönlich kenne. Und ganz ehrlich - ich habe noch nie ein Blog gesehen, das wissenschafltiche Informationen auf meinem Fachgebiet vermittelt hat. Meist findet sich da nur Schrott, und Kommentare wie “Das ist aber interessant” sind auch nicht gerade förderlich für weitere Diskussionen. Es mag sein, dass das bei den Naturwissenschaftlern besser funktioniert…

    Foren kann ich allerdings auch nur bedingt empfehlen: Meist findet man eine interessante Frage, aber keine produktiven Antworten. Oft ist es so, wie Patrick geschildert hat, und die Teilnehmer beleidigen sich gegenseitig. Andererseits gibt es auch Foren mit vernünftiger Administration, die teilweise wirklich hilfreich sind. Man muss eben danach suchen.

  5. Patrick sagt:

    @Nils: Für die botanische Analogie war es bei mir definitv zu spät… Natürlich ist Deine Variante die richtige und sollte eigentlich in dem Artikel stehen.
    Hast Du zufällig die URL für das ExPhy-Blog parat?

    @Marcel: Ich sehe keinen Grund, warum dieser Beitrag die andere Diskussion überflüssig machen sollte. Die Themen und Diskussionen ergänzen sich in meinen Augen eher.

    @Anne: “Wissenschaftliche Informationen” findet man tatsächlich nicht in Blogs — weder juristische noch naturwissenschaftliche. Wissenschaft findet nicht in Weblogs statt sondern nach wie vor in Arbeitsgruppen, auf Konferenzen und in einschlägigen Zeitschriften. Lediglich im IT-Bereich mag es einzelne ernstzunehmende Diskussionsansätze in Blogs geben — vermutlich sind das aber Ausnahmeerscheinungen.
    Doch es gibt auch Wissen jenseits der Wissenschaft und hier stellen Blogs eine bedeutende Quelle dar. Oft tauchen die Informationen dort auf und werden diskustiert, bevor sie allmählich den Weg in die Archive der Wikis finden.

  6. Marcel sagt:

    Ja, aber da jetzt so ein herrlicher Konsens eingetreten ist, hat mich schlagartig der Provokationswille verlassen. Bin halt doch eher der Harmonietyp…;)

  7. Patrick sagt:

    Den Link zu besagtem ExPhy-Blog habe ich mittlerweile bekommen und will ihn Euch natürlich nicht vorenthalten: Der Quantenmechaniker.

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