Dunkelrote Brille

Für Martin.

Schaut auf das blaue Auge des gelben Fisches und zählt langsam bis 30, ohne Eure Augen zu bewegen. Schaut danach sofort auf eine weiße Fläche und versucht wiederum die Augen möglichst still zu halten…

Wer dieses kleine Spielchen mitgemacht hat, sollte auf der weißen Fläche plötzlich das Negativ des ursprünglichen Bildes sehen — einen blauen Fisch im gelben Meer. Um dieses Phänomen zu verstehen, muss man ein wenig darüber wissen, wie unser Auge Farben wahrnimmt.

Die Netzhaut des Auges enthält im Wesentlichen zwei Arten lichtempfindlicher Zellen: Stäbchen und Zapfen. Die Stäbchen sind extrem lichtempfindlich aber vollkommen farbenblind. Für unser Tagsehen sind sie völlig bedeutungslos, doch in der Nacht ermöglichen sie uns noch bei sehr geringer Beleuchtung zu sehen. Allerdings nur in schwarz-weiß. Deswegen sind nachts alle Katzen grau.

Von den weit weniger lichtempfindlichen Zapfen gibt es drei Typen für die drei Primärfarben Rot, Grün und Blau. Da sich alle anderen Farben nach den Gesetzen der additiven Farbmischung aus diesen Grundfarben erzeugen lassen, können wir mit nur drei verschiedenen Rezeptoren alle möglich Farben wahrnehmen. Anders als bei Malfarben ergeben rotes und grünes Licht allerdings nicht braun sondern gelb; rot, grün und blau zusammen ergeben nicht schwarz sondern weiß.

Beim sehen geschieht nun vereinfacht folgendes: Die Zapfen enthalten eine Substanz, die für rotes, grünes bzw. blaues Licht empfindlich ist. Wenn Licht mit der passende Farbe auf diesen Farbstoff fällt, entsteht über einen komplizierten Prozess ein elektrisches Signal, das unser Gehirn verarbeiten kann. Der Farbstoff wird bei diesem Vorgang verbraucht und muss vom Auge stetig neu hergestellt werden.

Schauen wir nun auf den Fisch, fällt vom Meer ausschließlich blaues Licht auf die Netzhaut. Die Zapfen für rot und grün sind an diesen Stellen folglich randvoll mit Farbstoff, während in den Zapfen für blau der Farbstoff teilweise verbraucht wird. In den Netzhautbereichen, die das Licht vom gelben Fisch erreicht, sind dagegen die blauen Zapfen mit Farbstoff gesättigt, während er in den roten und grünen verbraucht wird. Sobald wir nun auf eine weiße Fläche schauen, werden alle Zapfen angeregt. Dort, wo vorher das Meer auf der Netzhaut war, enthalten die blauen Zapfen jedoch kaum noch Farbstoff und können deswegen nicht so stark angeregt werden wie die roten und grünen. Für das Gehirn scheint es, als wäre die Fläche nicht weiß sondern rot und grün — also gelb. Entsprechend werden an den Stellen, wo der Fisch war, die Zapfen für rot und grün infolge Farbstoffmangels kaum angeregt und wir sehen blau. Nach einigen Sekunden verschwindet das Geisterbild schließlich, weil das Auge die Farbstoffmengen wieder ausgleicht.

Und was hat das ganze mit der “dunkelroten Brille” zu tun? — In den letzten Tagen habe ich mit einem Laser gearbeitet und musste dabei eine rote Schutzbrille tragen, um die Augen von dem Laserlicht abzuschirmen. Nachdem man anfangs im wahrsten Sinne des Wortes rot sieht, gewöhnt sich das Gehirn schnell an die Farbverschiebung und man nimmt die Umgebung schließlich in Graustufen ohne Rotstich wahr — quasi ein automatischer Weißabgleich im Gehirn. Dennoch werden durch die Brille natürlich nur die roten Zapfen auf der Netzhaut beleuchtet, sodass diese weniger Farbstoff enthalten als die unbenutzten Zapfen für grün und blau. Nimmt man die Brille dann nach beendeter Arbeit ab, erlebt man den gleichen Effekt wie beim Fisch: die ganze Welt erscheint einen Moment in befremdlichen Türkis…

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Eine Antwort zu “Dunkelrote Brille”

  1. Anne sagt:

    Da bekommt der Ausdruck “Etwas durch die rosarote Brille sehen” doch eine ganz andere Bedeutung.

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