Öffentliche Beobachtung: Mt. Tam Star Party

Für Ewald.

Am 10. Mai fand im Mt. Tam(alpais) State Park die erste öffentliche Beobachtung der San Francisco Amateur Astronomers in der Session 2008 statt. Da ich zu dieser Zeit mehr oder weniger zufällig in San Francisco war, schaute ich natürlich bei den amerikanischen Sternfreunden vorbei.

Obwohl sich der Mt. Tam nur etwas mehr als 30 km nördlich von San Francisco befindet, benötigte ich doch gute 45 Minuten, um den Beobachtungsplatz über die kurvenreiche, sehr schöne Straße zu erreichen. Allerdings sah das Wetter bei der Abfahrt ganz und gar gut aus: Die Stadt lag in den dichtesten Nebel gehüllt, den ich je erlebt habe. Bei unter zehn Meter Sicht waren die Nebelschlussleuchten der vorausfahrenden Fahrzeuge und die strahlenden Ampeln das einzige, was man vom dichten Abendverkehr sehen konnte. Auf der Golden Gate Bridge war es praktisch unmöglich die Fahrbahnmarkierung zu erkennen, sodass man der Spur nur blind über die “Markierungshubbel” auf der Straße folgen konnte. Doch laut Wetterbericht und Telefonauskunft der Astronomen sollte es oberhalb der Nebeldecke wundervoll klar sein. Und tatsächlich, auf einmal durchbrach der Wagen die undurchdringlich scheinende Nebelwand und ich fuhr die letzten Kilometer unter klarem Abendhimmel.

Direkt nach Ankunft und freundlicher Begrüßung fiel mein Blick auch schon auf ein gewaltiges 20”-Zoll Dobson-Teleskop, das neben einem bunten Reigen kleinerer und größerer Fernrohre auf das Ende der Dämmerung wartete. Doch die Sonne war gerade erst untergegangen und an eine Beobachtung des Nachthimmels noch nicht zu denken. Stattdessen begann der Abend mit einem öffentlichen Vortrag über den Klimawandel und seine Folgen. Der Klimaforscher Dr. Philip Duffy von der UCM sprach unter freiem Himmel in einem urigen Amphitheater über Ursache, Existenz und Wirkung des Treibhauseffekts und präsentierte Prognosen, wie sich die globale Erwärmung auf die USA und besonders Kalifornien auswirken werde. Datenmaterial und Klimamodelle für die Zeit von vor dreihundert Jahren bis 2100 zeigen sowohl eine globale Erwärmung durch natürliche Ursachen als auch einen Temperaturansteig durch anthropogenen Treibhauseffekt, wobei letztere den größeren Anteil ausmacht. Modellrechnungen für die nächsten Jahrzehnte prognostizieren für Kalifornien einen weiterhin stetig zunehmenden Temperaturanstieg, geben allerdings keine verlässliche Auskunft über die Niederschlagsmengen. Je nach Simulationsparametern wird der Niederschlag ganz ausbleiben oder deutlich ansteigen. Die Auswirkungen der Temperaturerhöhung sind jedoch bereits sichtbar: In den letzten Jahren hat sich der Beginn der Schneeschmelze in Kalifornien durchschnittlich um etwa zwei Wochen nach vorne verschoben. Dadurch wird die ohnehin kritische Trinkwasserversorgung während der trockenen Sommermonate weiter erschwert.
Immerhin scheint sich aber auch in der Politik langsam die Erkenntnis durchzusetzen, dass unsere Zivilisation einen messbaren Einfluss auf das globale Klima hat, dessen Auswirkungen wir zur Zeit nicht abschätzen können. Fakt ist aber, dass dieser Einfluss existiert. Den Treibhauseffekt und die globale Erwärmung bei der aktuellen Datenbasis leugnen zu wollen, wäre vergleichbar mit der Behauptung, die hiesige Materie wäre nicht aus Atomen aufgebaut…

Nach Duffys fundiertem und erfreulich tiefgehenden Vortrag war es bereits dunkel geworden. In der Ferne schimmerten unter uns das nebelverklärte San Francisco im diffusen, orange-gelben Licht der Natriumdampflampen und über uns der Nachthimmel mit dem Mond im ersten Viertel, Mars, Saturn und den Frühlingssternbildern. Schnellen Schrittes ging es nun einige hundert Meter vom Vortragsort zum Beobachtungsplatz. Was die Beleuchtung angeht, können die amerikanischen Sterngucker übrigens einiges von den Sternfreunden Münster lernen. Zur Markierung des Weges kamen nämlich keine astrotauglichen roten Grablichter sondern grüne LED-Leuchten zum Einsatz, sodass jedwede Dunkeladaption auf dem Weg zu den Teleskopen effektiv zerstört wurde.

Die Beobachtung selbst war “typisch amerikanisch” und damit ein wenig ernüchternd. Ich will hier keine Vorurteile nähren, aber man merkte, dass viele der anwesenden Teleskopbesitzer doch ein wenig (selbst)verliebt in ihre Geräte waren. Die meisten hatten gar ein absolutes Berührungsverbot über ihre Teleskope verhängt, sodass man nicht einmal selbst scharfstellen durfte, worunter das Beobachtungserlebnis doch sehr litt. An diesen Verboten und Regeln änderte sich auch nichts, nachdem man sich mit den Besitzern über die eigene astronomische Erfahrung vom Spiegelschleifen bis zum Beobachten ausgetauscht hat — schade eigentlich. Natürlich kann ich verstehen, dass man eine gewisse Sorge um sein Teleskop hegt, wenn man den 20”-Hauptspiegel selbst geschliffen und das Teleskop selbst konstruiert und gebaut hat, aber es deswegen gleich in Watte einpacken? Ich hätte gedacht, dass sich Sternfreunde, die beim großen John Dobson höchstpersönlich ihr Handwerk erlernt haben, eher an Fraunhofers Motto halten: “Teleskope sind zum durchschauen, nicht zum anschauen da.”

Leider verliefen auch die Mehrzahl der Gespräche mit den Anwesenden so wie hier allgemein üblich: nett aber oberflächlich und ohne Nachwirkung. Es ist leider wahr, dass die meisten Amerikaner allgemein gerne reden und man sehr leicht mit ihnen ins Gespräch kommt, es diesen Gesprächen aber meist an Tiefgang und Nachhaltigkeit fehlt. An mehr als belanglosem small talk haben die meisten Gesprächspartner kein Interesse. Ich bin ziemlich überzeugt, dass sich niemand, mit dem ich bei der Beobachtung gesprochen habe, an den “deutschen Gast” erinnern wird — und das liegt mit Sicherheit nicht an mir.

Insgesamt war der Abend von wissenschaftlicher, landschaftlicher und kultureller Seite äußerst interessant, astronomisch aber leider ernüchternd. Das helle Mondlicht verhinderte eine weitergehende deep sky-Beobachtung mit dem 20-Zöller und bereits nach etwa einer Stunde schloss der verantwortliche Ranger den Park, sodass alle Gäste die Beobachtung verlassen mussten.

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Eine Antwort zu “Öffentliche Beobachtung: Mt. Tam Star Party”

  1. Michael sagt:

    Hi Patrick,

    schöner Artikel. Da freut sich der Ewald :-)
    Viele Grüße aus MS und noch viel Spaß! Michael

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